Medien im Theater
"Medien im Theater" ist eine Wahlplichtveranstaltung der Fakultät Digitale Medien im Sommersemester 2011.
Sie beschäftigte sich mit der Implementierung und Dokumentation der beiden Projekte „Proscenium Interactive“
und „Audiospace“, welche sich seit Sommersemester 2010 mit der Umsetzung einer interaktiven
Bühnenumgebung beschäftigten.
Neben der Installation der im Projektstudium entwickelten Technik, lag ein Hauptaugenmerk auf der
filmischen Dokumentation und Aufbereitung des Theaterstücks.
Das Theaterstück „Das Kalte Herz“ entstand in einer Kooperation der Hochschule Furtwangen mit dem Stadttheater Pforzheim unter Leitung von James Sutherland, Robert Eikmeyer und Bruno Friedmann. Die Premiere fand am 09. April 2011 in Pforzheim statt.
Das kalte Herz - Pressestimmen
Pforzheimer ZeitungMontag, 11. April 2011"Auch in Kohle-Munk-Peters Beinen zuckte und drückte es, wie wenn sie tanzen und springen wollten, und machte der Tanzbodenkönig wunderliche und zierliche Schritte, so verschlang und drehte Peter seine Füße, dass alle Zuschauer vor Lust und Verwunderung beinahe außer sich kamen." Ähnlich "verwunderlich" wie im Original-Hauff-Text und in den tänzerischen Ausformungen ein bisschen "verrückt" geht es in James Sutherlands Choreografie "Das kalte Herz" zu, die im Podium des Pforzheimer Stadttheaters ihre vom Publikum bejubelte Premiere feierte. Wilhelm Hauffs gleichnamiges Schwarzwald-Märchen gehört mit seinen Köhlern und Flößern, Uhrmachern und Glasbläsern wie nichts anderes in die Region und zum Pforzheimer "Flößer-Pojekt". Sutherland arbeitet zusammen mit seiner Ballett-Compagnie vor allem die dunkel-düsteren Elemente des Märchens heraus. Dem Gold und dem Geld ist der arme Köhler-Peter verfallen. Für gleißenden Mammon tauscht er sein heftig schlagendes Herz gegen einen kalten Marmorstein ein, der ihn gefühllos und eben herzlos macht. So gesehen beschreibt das Hauff-Märchen auf exemplarische Weise auch den Übergang von traditionellen Wirtschaftsformen (Holzkohlenbrenner im Schwarzwald) zu den Strukturen neuer Ökonomie im Industriezeitalter (Holzgroßhandel mit Holland), der die Preisgabe aller menschlicher Rücksicht verlangt. Genau darauf richtet die Tanz-Inszenierung ihren Fokus, was im medialen Klang-Raumkonzept (in Koproduktion mit der Hochschule Furtwangen, Projektleitung Robert Eikmeyer) sinnfällig zum Ausdruck kommt. Allein die Liebe zu Lisbeth kann das Opfer dieses Prozesses, den Köhler-Peter, noch retten, was der Märchenhandlung und auch dem Sutherland-Ballett immerhin eine "Happy-End"-Krone aufsetzt. Industrielandschaften mit rauchenden Schloten, urwüchsige Wälder, aus deren Böden die Pilze schießen, oder hässlich schwarze Klecksografien auf monochrom weißen Wänden spiegeln kulissenhaft die (Seelen-)Zustände der Tanzakteure. Die mühen sich zu einer Collage aus herz-schlag-rhythmisch akzentuierten Popmusik-Nummern ab, teils solistisch-clownesk ausgelassen, teils in fetzigen Ensembles, manchmal auch in sanft weicher Zweisamkeit. Getanzt wird, passend zu dieser Musik, modern ausdrucksstark auf flachen Sohlen. Schrille Ruckungen und Zuckungen, verschraubte Wirbel, verquere Boden-Gymnastik, unvermittelte Hebe-Figuren und Körper-Verdrehungen sind zu sehen, mit zahllosen originellen Bewegungs-Erfindungen angereichert. Zu den balletteusen Höhepunkten gehören der "Pas de deux der Liebe" mit Peter Munk (Hiroyuki Tomosugi) und Lisbeth (Risa Yamamoto) zu "My funny Valentine", eine erotisch und zärtlich flirrende Sequenz in wuchernder Natur. Oder Tanzbodenkönigs schlank elegantes Bravour-Solo mit temperamentvollen Steigerungen und - im Kontrast dazu - zeitlupenhaft zerdehntem Innehalten (Cornelius Mickel). Auch (des rußverschwärzten) Kohlemunks Ängste zu Ligetis "Atmosphères" werden in intensive Bewegungssprache umgesetzt. Abgründig geheimnisvoll präsentiert sich Holländer-Michel (Marco Barbieri) zu "Sang Mon Amour". Das Publikum mitreißen können Peter und Lisbeth als glücklich strahlendes Paar (zu "Wonderwall"). Manche Ensembles erinnern an das "Knöcheln" (wie es im Hauff-Text heißt) der Wirtshaus-Glücksspieler, das den Tod assoziiert. Ein eigentlich unheimliches Märchen, eine unheimliche Tanzkunst.
Badische Neueste NachrichtenMontag, 11. April 2011Wilhelm Hauffs Märchendichtungen sind in zahlreichen Adaptionen ver- und bearbeitet worden, insbesondere „Das kalte Herz“. Im Podium des Stadttheaters Pforzheim, hatte nun eine Ballettfassung von James Sutherland ihre umjubelte Premiere. Auf einer interaktiven Bühne (Mitarbeit: Fakultät für digitale Medien an der Hochschule Furtwangen) interpretierte das Ballettensemble eine zeitgenössische Variante des romantischen Märchens. Der arme Kohlenmunk-Peter (Hiroyuki Tomosugi), ein gefangener Lohnabhängiger seiner durch rauchende Fabrikschlote symbolisierten industrialisierten Lebensumwelt, kann seine geliebte Lisbet (Risa Yamamoto) nur gewinnen, wenn er gegen die ihm gesellschaftlich und an Besitz Überlegenen, exemplarisch durch den Tanzbodenkönig (Cornelius Mickel) dargestellt, gewinnt. Trotz der übernatürlichen Hilfe des Glasmännleins verliert er bald sein Geld, und wählt als letzten Weg, sein Herz beim Holländer-Michel (Marco Barbieri) gegen eins aus Stein einzutauschen. Doch der Preis erweist sich als zu hoch. Peter tötet in seiner Herzlosigkeit Lisbet. Durch die Tat aufgerüttelt versucht er sein Herz zurückzugewinnen, was ihm – wie bekannt – mit Hilfe des Glasmännleins und einer List gelingt. Die Choreografie bedient sich eklektisch der Mittel des klassischen Ballets, des Ausdruckstanzes und des Modern Dance. Klassisch werden meist die idyllischen Momente portraitiert (und auch als Binsenweisheiten entlarv). Die anderen Stilmittel dienen dazu, die Abhängigkeit des Kohlenmunk-Peters und sein Gefangensein in den Verhältnissen zu kennzeichnen. Durch rasche, oft sehr scharfkantige Bewegungen schaffen die Tänzer das Bild ihres unsichtbaren Gefängnisses ohne in Pantomime zu fallen. Dabei ist die Projektionswand, die den Bühnenhintergrund bildet, ein weiterer Mitspieler, denn sie reagiert auf die Bewegungen der Tänzer. Mit dem Raumklang der Musik, die sich bei Ligetis „Atmosphères“ ebenso bedient, wie bei Chet Bakers „My funny Valentine“ oder „Zombie Nation“ von Kernkraft 400, entsteht eine überzeugende tänzerische Interpretation des Märchens.
Mühlacker TagblattDienstag, 12. April 2011Wer nun allerdings glaubt, einem Handlungsballett im üblichen Sinn zu begegnen, der irrt. Das Kooperationsprojekt mit der Hochschule Furtwangen, für dessen Konzept, Bühne und Kostüme neben James Sutherland auch Robert Eikmeyer verantwortlich zeichnet, ist vielmehr ein Experiment, bei dem mit Studierenden der Fakultät für Digitale Medien eine Verbindung zwischen neuen technischen Möglichkeiten und dem Bewegungsvokabular von Tänzerinnen und Tänzern gesucht wird. So ist das Bühnenbild interaktiv und wird durch Kameratrackings und damit durch den Tanz selbst gesteuert. Die Bewegung ist somit Auslöser für räumliche, klangliche und zeitliche Veränderungen. Das ist aber nicht allein das Besondere an diesem „Tanz-Podium VIII“. Wer die Geschichte von dem armen Kohlenbrenner Peter Munk nicht kennt, der sich nach Reichtum und Ansehen sehnt, dem das „Glasmännlein“ drei Wünsche gewährt, der wird sie in ihrem Handlungsablauf auch durch die 70 Minuten dauernde Vorstellung nicht kennenlernen. Denn anders als bei anderen Handlungsballetten wird in diesem Fall die Geschichte nicht mit den Mitteln des Tanzes erzählt. Vielmehr werden Grundideen aufgegriffen und verdeutlicht. Da ist zum einen die Idee des Tanzes und zum anderen die der Liebe. Wünscht sich doch Peter Munk nicht Verstand und Klugheit, sondern zunächst ein flotter Tänzer zu sein, tanzen zu können wie der Tanzbodenkönig. Und das ist für James Sutherland das Stichwort und die Verbindung zu seiner neuesten Kreation. Mit seiner Truppe von fünf Tänzerinnen und vier Tänzern zeigt er, was man mit tänzerischen Bewegungen, die stark dem Ausdruckstanz verpflichtet sind, alles machen kann. Solistisch, vor allem aber als Kollektiv in der Gruppe, legen die Mitglieder des Ballett Pforzheim nicht nur Zeugnis von ihrer körperlichen Fitness und ihrem technischen Können ab. Sie profilieren sich mit expressiven Arm- und Beinbewegungen, bei allem, trotz einiger Sprünge und Luftnummern, immer dem Boden verhaftet, als Apologeten modernen Tanzes. Sie tanzen nicht klassisch, aber doch sozusagen wie der Tanzbodenkönig und sein Hofstaat und illustrieren so den Wunsch von Peter Munk. Was die Liebe betrifft, so wird sie anhand der Beziehung des Kohlenbrenners zu seiner Frau Lisbeth verdeutlicht. Sie rettet nicht nur sein kaltes, steinernes, für menschliche Regungen unempfindliches Herz, das er dem Holländer-Michel zu verdanken hat, die Liebe gibt ihm auch seine Frau zurück, die er zuvor selbst getötet hat. Und so sind es neben ausdrucksstarken Tanzbewegungen auch gefühlvolle Momente, die James Sutherlands Arbeit bestimmen, ein geradezu inniges Miteinander nach vorherigem Streit des von Hiroyuki Tomosugi und Risa Yamamoto getanzten Paares Peter und Lisbeth. In den Rollen des Tanzbodenkönigs und des Holländer-Michels zeigen Cornelius Mickel und Marco Barbieri ihre Fähigkeiten als Charaktertänzer. Aber nicht nur diese vier Solisten zeichnen sich aus, auch die anderen – Alexandra Andreeva, Christiane Heger, Lucrezia Piatelli, Julia Suschka und Yari Stilo – sind unentbehrlich und nicht mindere Protagonisten dieses Tanzstücks. Abstrakte und konkrete Figuren in wechselnden Farben, stets in Bewegung, bestimmen das Bild des in drei Akten ablaufenden Werks. Vor allem moderne Musik vom Band illustriert das Geschehen. Den besonderen Reiz des Tanzstücks von James Sutherland und Robert Eikmeyer macht die gelungene Verbindung multimedialer und tänzerischer Gestaltung aus. |
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